Rüdiger Safranski : Romantik – Eine deutsche Affäre
Auch im Erkennen, nicht nur im Handeln, ist der Mensch ein Wesen, das immer auch anders kann; nicht nur anders handeln sondern auch die Dinge anders sehen. Der Mensch lebt in Möglichkeiten. Wirklichkeit konstruiert sich in einem Horizont von Möglichkeit. Das ist Freiheit.
Es gibt Zwänge, bewusste und unbewusste, aber allzu häufig fühlen wir uns gezwungen, wo wir es nicht sind. Vielleicht, weil die Freiheit auch anstrengend ist und es leichter ist, sich als etwas Gestoßenes und Getriebenes zu empfinden, ohne Verantwortlichkeit, als Ding unter Dingen, als bloße Reaktion und nicht Aktion.
Zeus stürzt die Titanen in den Orkus, Prometheus bringt den Menschen das Feuer, Herakles befreit den an den Felsen geschmiedeten Prometheus. Die Büchse der Pandora öffnet sich. Übel und Elend kommen über das Menschengeschlecht aber auch die Hoffnung.
Im Krieg verbrennt der geistige und materielle Zivilisationskomfort, und übrig bleibt der gehärtete Kern der Person, die sich nichts mehr vormacht und der man nichts mehr vormachen kann.
Das Romantische ist phantastisch, erfindungsreich, metaphysisch, imaginär, überschwänglich, abgründig. Es ist nicht konsenspflichtig, es braucht nicht gemeinschaftsdienlich, ja noch nicht einmal lebensdienlich zu sein. Es kann in den Tod verliebt sein. Das Romantische sucht die Intensität bis hin zu Leiden und Tragik.
Die Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen gehört zu der noch umgreifenderen Spannung zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren. Der Versuch, diese Spannung in eine widerspruchslose Einheit überführen zu wollen kann zur Verarmung oder der Verwüstung des Lebens führen.
Das Leben verarmt, wenn man sich nichts mehr vorzustellen wagt über das hinaus, was man auch leben zu können glaubt.
Und das Leben wird verwüstet, wenn man um jeden Preis etwas leben will, bloß weil man es sich vorgestellt hat.
Das eine mal verarmt das Leben, weil das Vorstellbare aufgegeben wird um des lieben Friedens willen, das andere mal zerbricht es unter der Gewalt, mit der das Vorstellbare ohne Abstriche verwirklicht werden soll.
Beides mal hält man den Widerspruch zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren nicht aus, und will ein Leben aus einem Guss. Ein solches Leben ist aber wohl doch nur ein romantischer Traum.
