... in dem in einem Formular formuliert wird und in einem Büro interpretiert.
"Was soll ich mit diesem Antrag hier machen?", erkundigt sich Tanja Müller, ihres Zeichens Sachbearbeiterin in der Rehabili- tationsabteilung der Rentenversicherung, bei ihrer Chefin Dorothee Klingental-Steinvorth. "Hier wurde angekreuzt, dass kein Teilzeitarbeitsplatz zur Verfügung gestellt werden kann, aber dann steht ein Datum ab wann." Verärgert über die Störung blickt die Vorgesetzte auf. "Von wem wurde wo was angekreuzt? Frau Müller, können Sie sich bitte etwas deutlicher ausdrücken?" Tanja holt tief Luft und beginnt: "Das ist eine etwas längere Geschichte. Die Versicherungs- nehmerin ist schon älter und hat seit einiger Zeit MS. Teilrente wurde beantragt und inzwischen auch genehmigt. Parallel wurde ein Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben gestellt. Der dümpelt hier schon über ein halbes Jahr rum. Erst ging es um einen Rollstuhl, eine Rampe zum Büro der Versicherten und diverse Umbauten in sanitären Anlagen. Der Antrag wurde dann später von der Versicherten dahin- gehend geändert, dass die Rampe und der Umbau wegfallen, weil der Arbeitgeber anscheinend ein Büro in einem behinderten- gerechten Bau zur Verfügung stellen kann. Also bleibt für uns die Sache mit dem Rollstuhl." "Und wo liegt jetzt das Problem?" "Der Arbeitgeber hat auf dem Formular, wo es um den Teilzeit- arbeitsplatz geht, in dem Feld 'Kann ein Teilzeitarbeitsplatz zur Verfügung gestellt werden' angekreuzt, dass er keinen zur Verfügung stellen kann. Aus der anderen Seite hat er aber in dem Feld 'ab wann?' ein Datum reingeschrieben." "Zeigen Sie mal her." "Hier ist die Stelle." Dorothee Klingental-Steinvorth sieht sich den betreffenden Abschnitt des Formulars an und runzelt die Stirn. "Das ist ja mal wieder ganz großartig. Sehr dubios. Wie ist das jetzt zu interpretieren? Als ob wir nicht schon genug Arbeit hätten." "Vielleicht sollte ich das Ganze telefonisch klären?", schlägt Tanja Müller vor. "Damit Sie wieder tagelang am Telefon hängen, weil Sie niemanden erreichen können, der Ansprechpartner nicht Bescheid weiß oder erst einmal die Akte heraus gesucht werden muss?" "Vielleicht arbeiten die anders als wie wir und müssen nicht die Akte immer hin und her schicken, sondern haben schon alles im PC gespeichert?" "Vielleicht, vielleicht, vielleicht", Dorothee wird ungeduldig, "steigt der Hahn auf die Ente, wenn keine Henne da ist. Sicher haben die schon längst während der Arbeitsunfähigkeit der Versicherten ihren Schreibtisch sowie die Schränke aus- geräumt und an ihrem Platz sitzt schon der Nachfolger. Lehre mich die Arbeitgeber kennen. Auf der anderen Seite - wieviele offenen Fälle haben Sie noch auf dem Schreibtisch liegen?" "Das weiß ich nicht. Im Moment sind es drei Stapel. Vierzig, fünfzig? So genau weiß ich es nicht." "Nun dann." Dorothee gibt Tanja das Formular zurück. "Damit ist es entschieden. Der Arbeitgeber hat klar zum Ausdruck gebracht, dass die Betreffende in Teilzeit nicht weiter beschäftigt werden kann. Damit ist der Antrag für den Rollstuhl nicht mehr relevant und der Fall für uns abgeschlossen. Legen Sie ihn zu den Akten." "Aber müssen wir ihr das jetzt nicht mitteilen?" "Wem?" "Der Versicherten." "Frau Müller", antwortet die Gruppenleiterin der Rehabilitations- abteilung der Rentenversicherung ihrer Mitarbeiterin, "seit wann sind wir für die Kommunikation zwischen den Arbeitgebern und unseren Versicherungsnehmern zuständig? Bei uns sind über 50 Millionen Arbeitnehmer versichert. Sollen wir denen allen jetzt einen Brief schreiben?"
... in dem Gregor niedersinkt und Manuela in seinen Augen steigt.
"Kleinleinfein", erkundigt sich Gregor Kopp nach seinem Urlaub im Zuge eines Gesprächs über die Vorkommnisse während seiner Abwesenheit, firmenintern Briefing genannt, bei seiner Assistentin, "wie ist das eigentlich mit unserer Quoten- beschädigten weiter gegangen? Dieser Frau ... Frau ..." Manuela Klein legt ihre Stirn in Falten. "Öhm, Frau Welter? Oh je, oh je, das wächst sich dann doch zu einem mittelschweren Problem aus. Hat die Geschäftsleitung Sie noch nicht darauf angesprochen?" "Warum sollte sie das denn? Eigentlich dachte ich, wir hätten alles so im Griff, dass sich die Geschichte irgendwann von selbst erledigt." "Anscheinend hat der Geschäftsführer von der Idee mit der Rampe erfahren und sich tierisch darüber aufgeregt." "Wieso das denn? Die ist doch genial. Ein Langzeitprojekt, das die Wiedereingliederung jeder Schwerbeschädigten übersteht." Es folgt ein dröhnendes Lachen. "Den Gegner mit den eigenen Mitteln schlagen. Rampen gegen Rollstuhlfahrer. Lasst uns Aufzüge bauen!", keucht Gregor und wischt sich die Tränen aus den Augen. "Ne ne, ganz so einfach ist es wohl nicht", antwortet Manuela trocken. "Zumindest für den Geschäftsführer nicht. So wie ich ihn verstanden habe, hält er die Vorgehensweise für eine Scheißhau..., sorry, für eine nicht ganz ausgereifte Idee." "Hä? Ich höre wohl nicht richtig. Was hat er denn daran aus- zusetzen?" "Vielleicht ist er der Meinung, dass die Rampe die Landschaft verschandelt. Oder ihm passt es nicht, dass deswegen zwei Parkplätze wegfallen." "Mein Gott, Frau Klein, haben Sie denn nicht klar gemacht, dass dieser Zinnober nur ein Trick ist, um Zeit zu schinden? Dass der Gegenseite über dem Riesen-Hickhack irgendwann die Luft, beziehungsweise das Geld ausgeht? Kein Mensch will und wird diese verdammte Rampe bauen! Was hat der eigentlich in unseren Angelegenheiten herum zu fuhrwerken." Langsam steigt Gregor die Zornesröte ins Gesicht. "Ich kümmere mich doch auch nicht um den Bockmist, den er verzapft. Hat er wenigstens einen Vorschlag gemacht, wie wir mit dem Problem umgehen sollen?" "Mir und den anderen Abteilungsleitern wurde aufgetragen, ein Büro im Hauptgebäude suchen. Unbedingt. Und sei es drum, dass jemand anderes in die Dependance umzieht." "Ein Büro im Hauptgebäude! Ich fasse es nicht. Damit haben wir doch innerhalb von ein paar Wochen die Laus im Pelz. Im Haupttrakt kommt man ungehindert in fast jedes Zimmer mit einem Panzer rein." "So ist es", seufzt Manuela, "dafür können wir keine Umbau- maßnahmen reklamieren. Auf der anderen Seite - ganz so schnell wird es nicht passieren. Auch die Rentenversicherung braucht ihre Zeit. Und immerhin muss ja der Rollstuhl für die Arbeitsstelle noch beantragt, genehmigt, bestellt und geliefert werden. Das kann sich noch lange hinziehen." "Trotzdem, unter diesen Umständen haben wir quasi schon verloren. Sie haben hoffentlich noch kein Büro gefunden?" "Doch, leider. Nachdem alle ihre Kapazitäten überprüft haben, ergab sich eine Möglichkeit." "Mein Gott, immer diese übereifrigen, karrieregeilen Kollegen. Herr Lehrer, ich weiß was ..." Erschüttert sinkt Gregor Kopp auf den Besucherstuhl. "Es herrscht keine Solidarität mehr. Kleinlein, Kleinlein, ich glaube, wir müssen in den sauren Apfel beißen." "Vielleicht nicht ganz", lächelt Manuela verschmitzt. "Von der Rentenversicherung kam ein Formular, in dem wir gefragt werden, ob wir ihr einen Teilzeitarbeitsplatz anbieten können und wenn ja, ab wann." "Kleinlein, das sollte auch Ihnen klar sein. Wir können uns bei unseren vielen Mitarbeitern und dem Job, den sie macht, bestimmt nicht darauf rausreden, dass wir das nicht könnten." "Natürlich nicht. Aber es sind zwei Felder in dem Formular. In dem einen wird angekreuzt, ob wir sie in Teilzeit weiter beschäftigen. Und in dem zweiten soll stehen, ab wann, wenn möglich." "Ja und? Wo gibt es da eine Lücke, um zu tricksen?" "Zwei Felder, Herr Kopp." "Frau Klein, bitte." Genervt erhebt sich Gregor Kopp und wendet sich zur Tür. "Wenn Sie nichts Genaueres beizutragen haben, dann behalten sie das für sich. Meine Zeit ist begrenzt." "Zwei Felder, Herr Kopp. Was wäre, wenn wir in dem einen ankreuzten, dass wir sie nicht in Teilzeit weiter beschäftigen und in dem zweiten ein Datum setzen, ab wann wir es tun? Schließlich können uns auch mal Fehler unterlaufen. Bei den vielen Feldern, die auszufüllen sind", sagt Manuela Klein mit Nachdruck in seinem Rücken. Gregor hält inne und dreht sich abrupt um. Seine Assistentin lächelt ihn an, und in dem gleichem Maße, in dem ihr Vorschlag in sein Gehirn sickert, erhellen sich auch seine Züge. "Sie meinen?" "Ja, ich meine. Ist doch ganz einfach." "Sie meinen ...", mit einem Riesenschritt ist Gregor bei ihr und küsst sie auf die Wange, "zwei gegensätzliche Aussagen. Natürlich. Wie ich die bei der Rentenversicherung kenne, kommen sie damit ins Schleudern." "Und schicken diese Frau möglicher Weise in Vollrente, weil sie keine Lust auf solch ein Durcheinander haben." "Genau. Nur keine Schwierigkeiten, immer der gerade Weg. Also das ist genial, Kleinlein!" Mit jedem Satz spürt Gregor, wie seine Stimmung steigt. Dass seine Arbeit doch noch Spaß macht. Ja, es ist schön, zu arbeiten, schön, Probleme zu lösen! Eigentlich könnte er vor Freude platzen ... "Juppheidi, juppheida, Behinderung für alle da!"
Vor über 15 Jahren besuchte ich den "Dialog im Dunkeln" in Wien. Diese mit der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt entwickelte Ausstellung führte, und führt noch heute, in die Welt der Blinden.
Anderthalb Stunden tastete ich mich mit einem Stock durch unbekanntes Gelände, stolperte über Baumwurzeln, erschrak über eine Autohupe, stieß an ein an der Hauswand gelehntes Fahrrad, war irritiert von den um mich herum schwirrenden Gesprächsfetzen, unsicher, ob das Geldstück, mit dem ich meine Cola bezahlen wollte, denn ausreichte, und heilfroh, als ich endlich wieder unter das Tageslicht treten konnte. War tief beeindruckt von den Anstrengungen, welche die Erledigung alltäglicher Dinge bedeuten können, der notwendigen Konzentration, um sich nicht sehend und unfallfrei in einem unbekannten Raum zu bewegen, der Leistung, die Blinden jeden Tag abverlangt wird. Und ich war todmüde nach mal eben drei Stunden.
An diese Ausstellung denke ich, wenn ich meine heutige Situation betrachte. Nicht, dass ich mein Augenlicht verloren hätte. Ich sehe immer noch ganz gut, wenngleich ich auch hier erhebliche Abstriche machen musste. Doch das ist nicht das eigentliche Problem.
Ich kann nicht mehr abschätzen, wie hoch der Fuß zu heben ist, um auf eine Stufe zu steigen. Wie weit ein Gegenstand entfernt ist, den ich ergreifen will, 'sieht' die Hand nicht. Auch nicht, wie fest sie zugreifen muss, um diesen Gegenstand greifen und halten zu können, kann sie einschätzen. Steht jemand hinter mir, spürt mein Rücken es nicht. Und schließe ich die Augen, falle ich um. Mein Körper ist blind und weiß nie, in welcher Lage er sich befindet.
Abgesehen davon, dass es eine hohe Konzentration erfordert, sich bei jeder Bewegung neu im Raum einnorden zu müssen, ist es auch schwierig, dies anderen Menschen nahe zu bringen. Dass es mir keinen Spaß mehr macht, spazieren zu gehen. Ich kein Ohr für die Vogelstimmen habe, keine Nase für die Gerüche des herbstlichen Abends, weil ich damit beschäftigt bin, zu gehen. Ich mich nicht auf ein Gespräch konzentrieren kann, während meine Füße den Schritt suchen. Ich keinen Sinn für die Schönheit der Umgebung habe, weil mein Blick mit dem Boden verwachsen ist. Weil ich all meine Aufmerksamkeit und Kraft benötige, um mich gezielt und einigermaßen sicher zu bewegen.
War früher aufgrund unbeachteter Fähigkeiten eines gesunden Körpers der Weg von A nach B beiläufiger Auftakt zu Unternehmungen - genussvoll, der Umwelt zugewandt - ist er jetzt die Unternehmung selbst, an deren Ende sich eine Phase des Ausruhens anschließen muss.
Nun könnte man annehmen, dass der Körper die Orientierung wieder lernen könnte. So wie ein kleines Kind lernt, sich hin zu setzen, zu krabbeln, aufzustehen, zu laufen, Rad zu fahren. So wie es diese Bewegungsabläufe irgendwann unbewusst beherrscht und sie nie wieder vergisst. Doch mein Körper lernt das nicht mehr. Sobald er sich in Aktion setzt, befindet er sich hilflos in einer ihm fremden Umgebung. Und es verunsichert immer wieder zutiefst, wenn der Impuls Normalität vorgaukelt und die Ausführung eine Katastrophe zeitigt. Es verwirrt und macht insbesondere aggressiv und wütend. Wütend darüber, dass ich nicht mehr in der Lage bin, die simpelsten Bewegungen lässig und automatisch auszuführen. Und es macht mich spätestens dann aggressiv, wenn die Stimme anderer Menschen diesen mitleidsvollen Klang annimmt beim "warte, ich helfe dir". Das wollte ich mir für das Alter aufheben, wenn überhaupt. Eigentlich wäre ich gern kerzengerade in die Grube gefahren.
Zu akzeptieren, dass der Körper nicht mehr so funktioniert wie früher, ist schwer. Dass er nicht mehr belastbar ist, seine Selbstständigkeit und vor allem seine Selbstverständlichkeit verloren hat. Er jeden Tag, manchmal jede Stunde aufs Neue entdeckt und eingeschätzt werden muss. Laufen oder nicht laufen können? Wobei wir hier von Strecken unter dreihundert Meter sprechen. Aber immerhin - diese sind dann schon begeisterlich. Kann ich die Hand beherrschen? Ist sie fühlig oder nicht? Diese Schlieren vor den Augen - hoffentlich sind sie bald wieder verschwunden. Kann dem Geschmacksinn vertraut werden? Oder täuscht er wieder, indem alles bitter schmeckt, metallisch oder gar nicht? Diese vibrierenden und zuckenden Beine ... Was ist das schon wieder für ein Gefühl, einen nassen Arm zu haben? Und nein, es befindet sich kein Haar unter dem linken Auge, auch wenn ich noch so oft im Spiegel danach suche.
Die größte Schwierigkeit für mich ist, dass ich nicht mehr die Fähigkeiten meines Körpers ermessen und mich auf sie verlassen kann. Dass sich meine Befindlichkeit ständig ändert.
Morgen ist wieder ein neuer Tag mit einem sich neu definierenden Leib. Insofern - das Leben bleibt spannend. Auch etwas.
Inspiriert durch die Kochsendung in der letzten Woche habe ich mein scharfes Messer wieder herausgekramt. Wahrscheinlich bin ich wirklich ein Dilettant, dass ich bisher nicht begriffen habe: Nur exzellentes Werkzeug führt hin zum einzigartigen, überwältigenden Geschmackserlebnis.
Also gibt es heute Kasumi an Zwiebel. Hach, es gleitet mit geradezu butterweichem Schwung durch die Schichten. Und schnell ist es. Dem sonst eher widerspenstigen Gemüse bleibt überhaupt keine Zeit sich auszubreiten. Es ist eine wahre Freude, so arbeiten wahre Meister!
Den Schnitt registriere ich zuerst nicht. Doch als sich das Blut über den Zwiebelringen ausbreitet, beginnt auch mein Daumen zu schmerzen. Sehr zu schmerzen und sehr zu bluten. Die Daumenkuppe hängt an einem Hautfetzen. Ein Küchenhandtuch muss dran glauben und schüttelt heimlich den Kopf. Unfassbar, diese Vergewaltigung!
Zehn Minuten später kuschelt sich mein Daumen in einen dicken Druckverband und ich betrachte mein Schnitzelwerk. Das ist meine letzte Zwiebel gewesen! Kann man aus einer Tomatensauce Blut herausschmecken?
Im Endeffekt gibt es Maultaschen und das Messer wird wieder in die Schublade verbannt. Ich fahre ja auch wohlweislich einen Kangoo und keinen Lamborghini.
Vor ein paar Tagen habe ich es wieder einmal versucht. Nicht, dass ich es zuweilen nicht versuchen wollte. Doch die in der Vergangenheit stattgefundenen Versuche haben mich lange Zeit davon abgehalten, es erneut zu riskieren. Aber es war dann doch einmal wieder soweit: Ich habe über eine längere Zeitspanne fern gesehen. Wohl gemerkt: Deutsches Fernsehen. Noch genauer: Deutsches Privatfernsehen.
Es fing an mit einer dieser Real-Dokus. Kann eine Dokumentation eigentlich irreal sein? Unterschiedliche Menschen in verschiedenen Städten suchen individuelle Wohngemeinschaften. Und individuelle Wohngemeinschaften in verschiedenen Städten bekommen Besuche von unterschiedlichen Menschen, die eine besondere Bleibe suchen. Alles sehr natürlich und ungeheuer menschelnd. Faszinierend eine Suchende, die sich mit ausgeprägtem Putzwahn, Ordnungsfimmel, exquisiten Designvorstellungen über die neue Unterkunft und dem ständig falschen Gebrauch von Fremdwörtern für die Gemeinschaft empfiehlt. Bla-Bla und sehr studiert. Aber holla, Olla!
Darauf folgte eine Serie, in der sich fremde Wesen fünf Tage lang gegenseitig zu einem Abendessen einladen, dessen Qualität und Ambiente jeweils von den Mitessern beurteilt wird, damit am Ende der Woche ein Sieger gekürt werden kann. Gourmets und Gourmands unter sich - mit spanischen Flugenten an Basilikum-Kreme, Terracotta-Pudding und diesem, ach wie heißt das Fleisch noch mal? Von dem superteuren Rind in Japan, das mit Bier getränkt und von Geishas massiert wird ... Kiba? Geld ist auch zu gewinnen, was die Technik der anonymen Bewertung bei einigen zum reinen Rechenexempel werden lässt. Werte ich alle anderen ab, erhöhe ich meine Chance auf die 3.000 Euro. Eigentlich würde ich viel lieber die Gesichter und Wut der Beteiligten sehen, wenn sie Wochen nach den Filmaufnahmen bei der Ausstrahlung an den abseits geäußerten Bemerkungen der, ach so kulturellen Mitstreiter teilhaben. Prost zusammen!
Als Höhepunkt sah ich mir dann noch den Aufwärm-Bericht einer Casting-Show an: Popstars - drei so genannte Juroren stellen sich dar und sabbeln sich um die letzten Reste von Hirn und Verstand. Ich erfuhr, welche Gruppen aus dieser Show bisher hervor gegangen sind: No Angels, Bro`Sis, Overground, Preluders (wer, in Gottes Namen, ist für die Gruppennamen verantwortlich?), Nu Pagadi, Monrose, Room2012 und Queensbury. Hätten Sie`s gewusst? So steht zu erwarten, dass auch die neue Gruppe stante pede ihren Frieden in die Pop-Grube fahren wird.
Danach habe ich das Experiment abgebrochen. Außer Spesen - eine halbe Tafel Schokolade - nichts gewesen.
Abmelden werde ich meinen Fernseher trotzdem nicht. Schließlich gibt es ja noch eine zweite Schüssel und die BBC.
"Was wird eigentlich aus diesem Kostenvoranschlag?", fragt Gregor fünf Wochen später an der Salattheke der Kantine seinen Hintermann, den stellvertretenden Leiter der Abteilung Facility Management, Martin Hebert. "Oh Mann, erinnere mich bitte nicht an diese nervtötende Geschichte", meint dieser und schürzt die Lippen. "Wieso nervtötend? Das mit der Besichtigung ist doch einigermaßen über die Bühne gegangen." "Das mit der Besichtigung vielleicht - Treppe rauf, rein in den Raum, angucken, raus aus dem Raum, Treppe wieder runter. Aber davor und danach die Aktion mit der Lastenrampe ... "Also bitte, du wirst dir doch zum Wohle schwerbeschädigter Mitarbeiterinnen mal die Hände schmutzig machen können", scherzt Gregor, "wir machen den Weg frei. Aber sag mal, könnte sich nicht diese Frau ..., jetzt habe ich den Namen wieder vergessen, die Lastenrampe selber auf die Treppe legen und hochfahren. Mit den Armen hat sie es ja anscheinend nicht. Wodurch wir sie dann allerdings leider auch nicht los wären." Martin Hebert lacht auf. "Ganz so einfach ist es dann auch nicht, dieses Ding schaffe selbst ich kaum, trotz allen Trainings im Fitness-Studio." Unwillkürlich spannt sich sein Körper und die Brust schiebt sich heraus. "Junge, das ist sauschwer. Du machst dir keine Vorstellung davon. Selbst für mich." "Also gut, dann doch die Schiene mit dem Umbau. Und was war noch so ätzend?" "Die Diskussion mit der Scherbehindertenvertreterin danach. Die meinte doch tatsächlich, diese ganze Geschichte sei reine Geldverschwendung und ein Schildbürgerstreich sondergleichen." "Auch so ein Bremsklotz. Es ist doch immer wieder faszinierend, dass der soziale Plebs keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen hat und uns Leute an den Hals hängen will, die alles andere als produktiv sind." "Ihrer Meinung ist es eine Zumutung, von jemandem zu verlangen, bei Regen, Eis oder Schnee mit einem Rollstuhl den Hügel hoch zum Hauptgebäude zu fahren." Gregor häuft sich Nudeln auf seinen Teller, platziert eine Scheibe Schweinebraten daneben und versenkt alles in einer großen Kelle Sauce. "Das hat mir schon die Klein erzählt. Aber sie hat wohl gut gekontert - dass alle anderen dort im Haus auch den Hügel hoch müssen." "Meine Meinung. Außerdem kann man sich ja mit einem Schirm bewaffnen." Und damit wandern zwei Hühnerbeine auf Heberts Teller. "Genau, Martin. Und wenn es daran hapern sollte - von mir aus kann diese Frau ... auch einen von unseren großen Schirmen aus der Marketing-Abteilung haben. Dann macht sie wenigstens noch Werbung für uns. Aber erzähl das bitte nicht der Klein, sonst macht die mir die Hölle heiß. Sie ist schon seit langem scharf auf ein solches Teil." "Auf jeden Fall haben wir diese Argumente abgeschmettert." "Sehr gut. Und was macht jetzt der Kostenvoranschlag?" Inzwischen sind sie bei den Desserts angelangt. Ein Schüsselchen Schokoladenpudding und eine Banane wandern auf Gregors Tablett. Martin Hebert greift nach der Quarkspeise. "Daran arbeiten wir noch und mit größter Sorgfalt. Die Angelegenheit gehört zu den uns momentan wichtigen Aufgaben. Habe ich jedenfalls dieser Frau ... Welter, glaube ich, geschrieben, als sie sich angelegentlich vor ein paar Tagen danach erkundigte und meinte, dass sie es für den Antrag der Rentenversicherung wissen müsse. Eile mit Weile, kann ich da nur sagen, oder wie der alte Schwabe sagt: No net hudle. Und irgendwann werde ich in den nächsten Wochen hingehen und ihr Pi mal Daumen eine Summe für die Rampe und eine für den Toilettenumbau mitteilen." "Kostenvoranschlag! Das Wort muss man sich dabei auf der Zunge zergehen lassen, du bist köstlich. Das würde wahrscheinlich noch meine achtzigjährige Mutter hinkriegen. Irgendeine Zahl zwischen 1000 und 20000. Wählen Sie jetzt." "Na und?", grient der Verantwortliche aus der Technik, bekommt deine Mutter das denn so gut bezahlt wie ich?"
Es ist passiert. Vor knapp einer Stunde ist es passiert. Ich habe zugesagt.
Seit Jahren habe ich mich immer wieder gefragt, wer, um Gottes Willen, sich für Testreihen zur Erprobung neuer Medikamente zur Verfügung stellt. Solch ein hohes Gesundheitsrisiko eingeht. Seinen Körper der Wissenschaft überantwortet. Auch wenn diese Studien einem guten Zweck dienen.
Finanzielle Interessen, war meine Antwort. Bei einigen sogar ... Abenteuerlust? Andere vielleicht auch, weil sie altruistischer Natur sind? Nein, diese Variante traue ich keinem zu. Auf jeden Fall habe ich mir immer geschworen, das mache ich nie. Niemals. Ich bin doch nicht des Wahnsinns fette Beute.
Es ist einsehbar, dass solche Testreihen notwendig sind, bevor ein Medikament als wirksam eingestuft und zum Verkauf freigegeben wird. Mir ist auch durchaus bewusst, dass die Forschung nach dem geeigneten Mittel sich oft jahrelang hinzieht. Dass hoch bezahlte Wissenschaftler am Erreichen dieses Ziels beteiligt sind. Ohne Forschung - keine neuen Medikamente. Ebenso ist verständlich, dass Forschung Geld kostet. Viel Geld. Und dass aus diesem Grund manche Medikamente so sündhaft teuer sein können, wie sie sind. Abgesehen davon, dass ein Pharma-Unternehmen nicht die Caritas ist. Und selbst die Caritas ist nicht mehr das, was sie einmal war. Aber bitte schön, ich wollte bei einer solchen Entwicklung nicht das Versuchskaninchen sein. Nein, ich nicht.
Doch jetzt kenne ich die wahrscheinliche Antwort, auf das Naheliegende bin ich nicht gekommen. Zur Verfügung stellen sich Menschen, die unter der Krankheit leiden, die mit dem neuen Mittel bekämpft werden soll. Menschen, die eine solche Studie als Chance begreifen. Vielleicht ihre einzige.
Vorhin habe ich zugesagt. Zugesagt, an einer Medikamentenstudie teilzunehmen. Ich gehöre dazu. Bin gespannt und neugierig, was auf mich zukommt. Beseelt von dem Wunsch, dass ich in der Medikamenten- Gruppe sein werde, nicht in der mit den Placebos.
Und alles ist gepaart mit dem Funken Hoffnung, dass ich vielleicht dadurch zu den ersten gehöre, bei denen dieses Medikament seine Wirksamkeit zeigt. Dass ich ein Stück der Lebensqualität wieder erlange, die mich hat sagen lassen, an Medikamentenstudien würde ich nie teilnehmen.
... in welchem eine Last eine Last bleibt und der Affe tot ist.
Am nächsten Morgen fühlt sich Gregor, als ob er am Vortag einen Boxkampf ausgetragen hätte. Zerschlagen, müde, Kopfschmerzen und ein Geschmack im Mund, als ob eine Herde wild gewordener Karnickel durchgewetzt wäre. Davon abgesehen, es fehlen ihm ein paar Stunden des gestrigen Nachmittags. Zumindest weiß er nicht mehr, was nach dem Brüderschaftskuss mit der Sekretärin des IT-Leiters geschehen ist. Zum Glück hat er sie nicht mit in seine Wohnung mitgenommen, stellt er beruhigt fest. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sich in dieser Beziehung etwas vergreift. Für einen kurzen Augenblick denkt er darüber nach, im Bett zu bleiben und im Büro Bescheid zu geben, dass er krank sei. Doch dann verwirft er diesen Gedanken sofort, es sähe einfach nicht gut aus. Davon abgesehen hat er ja auch eine Vorbildfunktion. Überdies hätte er wissen müssen, dass es üppiger wird und schon im Vorfeld einen Außentermin ankündigen können. Aber was soll’s – nur die Harten kommen in den Garten. Also nimmt er eine ausgiebige Dusche, und mit den Wasser- strahlen kommt auch seine Erinnerung zurück. Das Büffet, die vielen Schnäpse mit dem Controlling-Chef, dann der Flirt mit der Sekretärin. Sylvia, Sonja, Selma … Irgendwas mit S und a. Dann ist er wohl ins Büro gegangen, um sich einen Moment auszuruhen und wahrscheinlich dort eingenickt. Bruchstückhaft kann er sich auch noch an einen Traum erinnern. Ein Alptraum, mit Fräulein Hermelein … Und was für ein Alptraum! Aber danach? Hoffentlich hat er sich nicht daneben benommen. Wie ist er überhaupt nach Hause gekommen?
Aufklärung darüber erhält er von seiner Assistentin, als er kurz vor der Mittagspause hinter seinem Schreibtisch sitzt. Aha, ein Taxi. Und er hat es bezahlt? Er fasst in seine Hosentasche, doch seine Brieftasche ist nicht da. Er findet sie auch nicht in seinem Jackett, bis ihm dann einfällt, dass er heute einen anderen Anzug trägt. Also wird dieses Problem bis zum Abend verschoben.
„Gibt es was Besonderes?“, erkundigt er sich darüber hinaus. „Gestern, der Ortstermin“, antwortet Manuela. „Welcher Ortstermin?“ „Wegen des neuen Büros in der Dependance für die Schwer- behinderte“, antwortet sie und zieht ein Blatt Papier aus ihrer Mappe. „Also. Anwesend waren ich, eine Mitarbeiterin vom Integrationsfachdienst, die Abteilungsleiterin von Frau Werner, unsere Behindertenvertreterin, der stellvertretende Leiter des Facility Managements und Frau Werner.“ „Bitte, Kleinlein, verschonen Sie mich mit den Einzelheiten. Was ist rausgekommen? Ich habe keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Es gibt sehr viel wichtigere Dinge“, drängt Gregor Kopp. „Es war ein bisschen kompliziert, da die Behinderten- vertreterin mit ihrem Rollstuhl auch das Büro sehen wollte.“ „Warum denn das? Ihr wart doch genug Leute, um der alles zu erzählen.“ „Sie wollte selbst ausprobieren, wie man sich dort bewegen kann.“ „Das verstehe ich nun überhaupt nicht, sie muss doch da nicht arbeiten.“ „Aber sie sitzt im Rollstuhl wie Frau Werner manchmal auch.“ „Also gut, weiter.“ „Wir haben sie dann auf der Lastenrampe die Stufen hochgekarrt. Überwiegende Meinung: Das Büro ist ganz gut. Aber …“ „Na wunderbar, dann ist ja alles geritzt“, meint Gregor und schlägt seine Tagesmappe auf. „… aber damit Frau Werner dort arbeiten kann, muss eine Rampe für den Eingang gebaut werden, in der Toilette muss das Waschbecken umgebaut werden. Und sie benötigt einen Elektrorollstuhl, um den Hügel hoch zum Hauptgebäude zu kommen. Außerdem hat die Behindertenvertreterin herum gemeckert, dass es schwierig ist, mit dem Rollstuhl den Berg hoch. Vor allem bei Regen oder Eis und Schnee“, meldet sich Manuela weiterhin zu Wort. „Das müssen doch alle anderen der Dependance auch. Es ist unglaublich, kaum sind sie krank, werden sie empfindlich. Und wozu haben wir da eine Lastenrampe? Schließlich ist sie ja auch eine Last für uns“, feixt der Personalverantwortliche und lehnt sich zurück. „Die müsste doch jedes Mal dort hingelegt und wieder weggebracht werden, wenn sie rein und raus will. Sonst kommen die Autos nicht am Eingang vorbei.“ „Könnte nicht ein Zivi …“, schlägt Gregor vor. „Das wird nicht funktionieren, dann bekommen wir sicher Ärger mit dem Amt für den Zivildienst.“ „Also ich finde diese Aufgabe äußerst sinnvoll. Na ja, vielleicht haben Sie aber auch recht.“ „Alles in allem sind wir so verblieben, dass vom Facility Management ein Kostenvoranschlag für die Rampe gemacht wird und Frau Werner mit dem Integrationsfachdienst zusammen einen Antrag beim Integrationsamt stellt für alles, was nötig ist.“ „Wie viele Ämter es gibt“, staunt Gregor, „wenn die sich alle um meine Steuerrückzahlung kümmern würden …“ Dann stutzt er. „Doch sagen Sie mal, was kostet denn der ganze Spaß? Und wie lange dauert es?“ „Also ich schätze mindestens zehntausend Euro." „Zehntausend Euro! Unmöglich! Das zahlen wir nie im Leben!“ „Und was die Dauer angeht“, fährt Manuerla ungerührt fort, „nach dem Kostenvoranschlag bis zum Bescheid mindestens drei bis vier Monate, meint die vom Integrationsfachdienst. Allerdings hat sie große Bedenken, ob sich das Integrations- amt an so hohen Kosten beteiligt.“ „Zurecht! Aber das ist wirklich der Hammer!“ Mit strahlendem Lächeln sieht Gregor seine Untergebene an. „Wunderbar, Kleinlein, fantastisch! Erst einmal brauchen wir natürlich ewig lange, bis der Kostenvoranschlag fertig ist. Dann muss diese Frau … Frau … verdammt noch mal, jetzt fällt mir der Name nicht mehr ein … Frau Dingsbums diverse Terminvereinbarungen treffen, das zieht sich auch. Und dann kommt irgendwann nach Monaten eine Absage für die Rampe und den anderen Quatsch. Besser geht's gar nicht! Entweder ihr geht die Luft aus bis dahin oder wir können sie endlich und völlig legal wegen unzumutbarer Belastungen kündigen. Klappe zu, Affe tot.“
... in welchem es vor Scherben wimmelt und morgen auch noch ein Tag ist.
Kurz vor ihrem Feierabend erinnert sich Manuela Klein, dass die Pflanzen noch nicht versorgt sind. Das auch noch, flucht sie, dabei ist es wegen dieser Ortsbesichtigung schon so spät geworden.
Seufzend nimmt sie die Gießkanne und marschiert in das Büro ihres Chefs. Die Pflanzenfront auf dem Fensterbrett ist spärlich bestückt: Ein Benjamini, eine Grünlilie und ein unverwüstliche Kaktus, der schon drei Umzüge überstanden haben, die Zeichen des beruflichen Aufstiegs von Gregor Kopp. Lustlos lässt sie Wasser in den Topf des wassergierigen Ficus fließen, während sie mit dem Zeigefinger den Bedarf der Grünlilie prüft. Dass der Depp nicht selber für sein Unkraut sorgen kann … Ein Stöhnen vom Schreibtisch schreckt sie aus ihren Gedanken. Schnell dreht sie sich um und erblickt ihren Vorgesetzten, der kopfüber der Armlehne seines Schreibtischsessels hängt. „Um Gottes willen, Herr Kopp“, flüstert sie. Jetzt nur nicht ohnmächtig werden! Wieder ein Stöhnen. „Herr Kopp, fehlt Ihnen was?“ Der Angesprochene hebt den Kopf, stiert sie ohne jegliches Erkennen an und lässt den Kopf wieder fallen. In Manuela steigt Panik auf. „Soll ich einen Arzt rufen? Ist Ihnen schlecht?“ Mit zwei Schritten ist sie am Schreibtisch und fasst ihn an der Schulter. Er führt eine wilde Fuchtelbewegung mit dem Arm aus, grunzt tief und lässt ein „Leck misch“ folgen. Alles eingebettet in starken Alkoholdunst. Mein Gott, der ist ja sturzbesoffen! Unsicher steht Manuela vor ihrem Chef und überlegt, was sie jetzt unternehmen soll. Den Notarzt rufen? Nach einem Kollegen suchen? Oder einfach nach Hause gehen? Die letzte Variante wäre ihr am liebsten. Auf der anderen Seite kann sie doch ihren Chef gerade jetzt nicht allein lassen. In diesem Moment klingelt das Telefon. Wie von der Tarantel gestochen schießt Gregor Kopp hoch, versucht Haltung anzunehmen und salutiert: „Aye, aye, Schir!“ Dann sackt er erneut auf dem Sessel in sich zusammen. Das Telefon klingelt weiter. Entschlossen hebt Manuela den Hörer auf und knallt ihn dann sofort wieder auf die Gabel. Sie überlegt. Offensichtlich hat er bei der Geburtstagsfeier zu tief ins Glas geschaut. Eine Schwäche ihres Chefs, die sie schon des Öfteren mitbekommen hat. Aber wie bekommt sie ihn jetzt ohne größeres Aufsehen nach Hause? Wobei, die anderen Kollegen dürften jetzt alle gegangen sein. Hoffentlich sind sie alle gegangen. Kurz entschlossen bestellt sie ein Taxi. „Herr Kopp, kommen Sie, es ist Zeit nach Hause zu gehen“, sagt sie mit lauter Stimme. Gregor Kopp hebt seinen Haarkranz und glotzt sie an. „Es wird Zeit, wir haben nur fünf Minuten. In fünf Minuten ist das Taxi da.“ Langsam richtet er sich schlaftrunken auf und blickt sie aus blutunterlaufenen Augen an. „F… fünf Minuten, schach ich ja, esch schi… schind nur f… fünf Minu… Minuten. Keine Schehn …“ Darauf folgt ein tiefer Rülpser. „Un auch keine fünfschehn. Un meine Eier schind nich hart, Fräuleinschen … Wie heischen Schie no… noch mal?“ „Klein, Herr Kopp, ich bin es doch, Manuela Klein. Ihre Assistentin. Die ... die Kleinlein.“ Er hievt sich hoch und stützt sich mit beiden Händen auf seinem Schreibtisch ab. „Scho en Blödschinn. Kleinlein. Aschischtentin. Scherbelein heischen Schie, Scherbelein. Schie haben misch doch grade schur Schau gemacht. Isch kenne Schie doch, auscher Sch… Schule. Da muschisch jetscht hin.“ Manuela geht zu ihm, fasst ihn um die Hüfte, führt seinen Arm über ihre Schulter und schleppt ihn zur Tür. „Wir gehen jetzt nach Hause, Herr Kopp, das Taxi kommt gleich. Morgen ist auch noch ein Tag.“ Und dann legen wie uns hin und schlafen uns aus“, redet sie auf ihn ein. „Wir beide schu… schuschammen? Dasch isch … scho schön …“ Wieder rülpst er. „Un wenn isch auschschlafen hab, warsch dann artisch?“ „Ganz artig, Herr Kopp, ganz artig.“ „Dasch isch prima, Scherbelein, dann habsch auch keine Schechs.“ Gregor Kopp kichert kindisch in sich hinein, während Manuela ihn durch den Korridor bugsiert. „Scherbelein, die Schechs isch geschtrischen. Gibsch nimmer. Jetscht gibschs nur noch Hühnerbeinschen, raschierte Hühnerbeinschen. Scherbelein, schind Ihre Beinschen raschiert?“ Sie sind am Ausgang angekommen und unwillig schüttelt er Manuela ab. „Wesch, Scherbelein, du hascht hier nischtschu schuchen, dasch isch nur für Männer“, lallt er und schwankt zum wartenden Taxi. Sie läuft ihm nach und packt ihn am Ärmel. „Haben Sie Geld, Herr Kopp?“ „Geld wie Heu, Scherbelein, die Welt isch mir!“ Mit einer großartigen Geste dreht sich Gregor um die eigene Achse und wäre fast umgefallen, hätten Manuela und der Taxifahrer ihn nicht aufgefangen. Rasch verfrachten sie den Betrunkenen auf den Rücksitz. Manuela gibt dem Fahrer die Adresse und atmet tief durch. Und noch im Wegfahren hört sie ihn singen: „Scherbelein, fuhr allein, inne weite Welt hinein …“
... in welchem Gregor eine Begegnung der besonderen Art hat.
„Darf ich eintreten!“ Gregor Kopp hebt seinen Kopf und erblickt eine grauhaarige, schlanke und hochgewachsene Frau vor seinem Schreibtisch. „Haben wir einen Termin? Sind Sie angemeldet?“ Mit einer eleganten Bewegung platziert der Eindringling einen Pilotenkoffer neben dem Besucherstuhl, setzt sich und schlägt die Beine übereinander. „Also bitte, was soll das denn? Wer sind Sie überhaupt? Ich habe keine Zeit“, entrüstet sich Gregor und schnaubt. „Zeit, mein Lieber, ist ein sehr relativer Begriff. Nehmen wir einmal das Eierkochen …“ „Verschwinden Sie!“ „… Eierkochen ist ein gutes Beispiel. Sie stehen vor dem Herd und warten darauf, dass die Eier hart werden. Sie wissen genau, es dauert fünf Minuten. Fünf lange Minuten …“ „Wenn Sie jetzt nicht sofort von hier verschwinden, rufe ich die Polizei!“ Ein strenger Blick aus grauen Augen richtete sich auf Gregor. „Du wirst sitzen bleiben Gregor, solange, bis ich fertig bin. Störungen dulde ich nicht!“ Sie duzt mich, woher weiß sie meinen Namen? Ach ja, das Türschild. „Und wenn du jetzt nicht sofort artig bist, bekommst du eine Sechs. Du hast wohl geglaubt, dass du mich loswerden könntest.“ Das ist … mein Gott … das ist Fräulein Hermelein … Natürlich! Mit Schrecken erkennt Gregor seine Grundschullehrerin und rutscht tiefer in seinen Sessel. „Kann ich jetzt endlich weiter machen? Danke. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der Zeit. Und dem Eierkochen. Du musst also diese langen fünf Minuten warten, bis die Eier hart sind. So hart und so butterweich, wie du sie besonders gern magst. Ungeduldig verfolgst du den Zeiger der Uhr. Fünf Sekunden. Wieder fünf Sekunden. Wie lange das dauert … Du schaust aus dem Fenster, siehst, wie deine Nachbarin die Einkaufstasche in den Kofferraum stellt und in den Wagen einsteigt. Sich auf die Fahrerseite setzt, angurtet, den Wagen startet. Den Motor abwürgt. Frauen können halt kein Auto fahren, denkst du. Und schaust wieder auf die Uhr. Noch über drei Minuten. Dein Hirn meldet: Warum hat nicht schon jemand einen Schnellkochtopf für Eier erfunden? Das wäre wenigstens etwas Vernünftiges. Noch zwei Minuten. Währenddessen orgelt deine Nachbarin weiter mit dem Anlasser herum. Der Wagen springt nicht an. Du siehst, wie sie wütend wird, auf das Lenkrad schlägt und weiter den Zündschlüssel betätigt. Wie sie aussteigt, die Motorhaube öffnet, hinein sieht und am Motor herum fummelt. Jetzt steigt sie aus, holt ihr Handy heraus und telefoniert. Insgeheim freust du dich, die Nachbarin hast du noch nie leiden können. Jetzt muss sie den Wagen abschleppen lassen. Soll sie doch zu Fuß gehen! Geschieht ihr doch recht, der dummen Kuh! Nicht wahr? So denkst du doch. Am liebsten würdest du ihr die Zunge heraus strecken. Und währenddessen hättest du schon längst die Eier heraus nehmen müssen. Fünfzehn Minuten. Vor fünfzehn Minuten hast Du sie ins heiße Wasser getan. Sie sind zehn Minuten über der Zeit. Wer will diese Eier jetzt noch essen? Sie sind steinhart. Und daran siehst du, Gregor, dass die Geschichte mit der Zeit eine sehr kuriose ist. Wenn du wartest, kommt sie dir unendlich träge vor. Sobald etwas geschieht, vergeht sie schnell. Und was lernst du jetzt daraus?“ Verständnislos schaut Gregor seine Lehrerin an. Diese fängt an zu kichern, steigert sich immer mehr, japst nach Luft. „Ach Gregor … du … du bist … solch ein Dummerchen. Köstlich … fünf Minuten … und du kannst … du kannst nicht einmal … nur fünf Minuten …“ Abrupt bricht das Gelächter von Fräulein Hermelein ab. „Beim nächsten Mal verwendest du eine Eieruhr, verstanden?“ Damit erhebt sie sich, greift nach dem Pilotenkoffer, öffnet ihn und zieht ein Zellstoffpäckchen heraus. „Ein Hühnerbeinchen gefällig? Pollo in potacchio …“