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Ironie
 Ironie
Mein Körper ist blind und fremdelt
4. October 2009, 10:32, Ironie
Vor über 15 Jahren besuchte ich den "Dialog im Dunkeln"
in Wien.
Diese mit der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt entwickelte
Ausstellung führte, und führt noch heute, in die Welt der
Blinden.

Anderthalb Stunden tastete ich mich mit einem Stock durch
unbekanntes Gelände, stolperte über Baumwurzeln, erschrak
über eine Autohupe, stieß an ein an der Hauswand gelehntes
Fahrrad, war irritiert von den um mich herum schwirrenden
Gesprächsfetzen, unsicher, ob das Geldstück, mit dem ich
meine Cola bezahlen wollte, denn ausreichte, und heilfroh,
als ich endlich wieder unter das Tageslicht treten konnte.
War tief beeindruckt von den Anstrengungen, welche
die Erledigung alltäglicher Dinge bedeuten können, der
notwendigen Konzentration, um sich nicht sehend und
unfallfrei in einem unbekannten Raum zu bewegen, der
Leistung, die Blinden jeden Tag abverlangt wird.
Und ich war todmüde nach mal eben drei Stunden.

An diese Ausstellung denke ich, wenn ich meine heutige
Situation betrachte.
Nicht, dass ich mein Augenlicht verloren hätte. Ich sehe immer
noch ganz gut, wenngleich ich auch hier erhebliche Abstriche
machen musste.
Doch das ist nicht das eigentliche Problem.

Ich kann nicht mehr abschätzen, wie hoch der Fuß zu heben ist,
um auf eine Stufe zu steigen.
Wie weit ein Gegenstand entfernt ist, den ich ergreifen will, 'sieht'
die Hand nicht. Auch nicht, wie fest sie zugreifen muss, um diesen
Gegenstand greifen und halten zu können, kann sie einschätzen.
Steht jemand hinter mir, spürt mein Rücken es nicht.
Und schließe ich die Augen, falle ich um.
Mein Körper ist blind und weiß nie, in welcher Lage er sich
befindet.

Abgesehen davon, dass es eine hohe Konzentration erfordert,
sich bei jeder Bewegung neu im Raum einnorden zu müssen,
ist es auch schwierig, dies anderen Menschen nahe zu bringen.
Dass es mir keinen Spaß mehr macht, spazieren zu gehen.
Ich kein Ohr für die Vogelstimmen habe, keine Nase für die
Gerüche des herbstlichen Abends, weil ich damit beschäftigt
bin, zu gehen.
Ich mich nicht auf ein Gespräch konzentrieren kann, während
meine Füße den Schritt suchen.
Ich keinen Sinn für die Schönheit der Umgebung habe, weil mein
Blick mit dem Boden verwachsen ist.
Weil ich all meine Aufmerksamkeit und Kraft benötige, um mich
gezielt und einigermaßen sicher zu bewegen.

War früher aufgrund unbeachteter Fähigkeiten eines gesunden
Körpers der Weg von A nach B beiläufiger Auftakt zu
Unternehmungen - genussvoll, der Umwelt zugewandt - ist er
jetzt die Unternehmung selbst, an deren Ende sich eine Phase
des Ausruhens anschließen muss.

Nun könnte man annehmen, dass der Körper die Orientierung
wieder lernen könnte.
So wie ein kleines Kind lernt, sich hin zu setzen, zu krabbeln,
aufzustehen, zu laufen, Rad zu fahren.
So wie es diese Bewegungsabläufe irgendwann unbewusst
beherrscht und sie nie wieder vergisst.
Doch mein Körper lernt das nicht mehr.
Sobald er sich in Aktion setzt, befindet er sich hilflos in einer
ihm fremden Umgebung.
Und es verunsichert immer wieder zutiefst, wenn der Impuls
Normalität vorgaukelt und die Ausführung eine Katastrophe
zeitigt.
Es verwirrt und macht insbesondere aggressiv und wütend.
Wütend darüber, dass ich nicht mehr in der Lage bin, die
simpelsten Bewegungen lässig und automatisch auszuführen.
Und es macht mich spätestens dann aggressiv, wenn die
Stimme anderer Menschen diesen mitleidsvollen Klang annimmt
beim "warte, ich helfe dir".
Das wollte ich mir für das Alter aufheben, wenn überhaupt.
Eigentlich wäre ich gern kerzengerade in die Grube gefahren.

Zu akzeptieren, dass der Körper nicht mehr so funktioniert wie
früher, ist schwer.
Dass er nicht mehr belastbar ist, seine Selbstständigkeit und vor
allem seine Selbstverständlichkeit verloren hat.
Er jeden Tag, manchmal jede Stunde aufs Neue entdeckt und
eingeschätzt werden muss.
Laufen oder nicht laufen können? Wobei wir hier von Strecken
unter dreihundert Meter sprechen. Aber immerhin - diese sind
dann schon begeisterlich.
Kann ich die Hand beherrschen? Ist sie fühlig oder nicht?
Diese Schlieren vor den Augen - hoffentlich sind sie bald wieder
verschwunden.
Kann dem Geschmacksinn vertraut werden? Oder täuscht er
wieder, indem alles bitter schmeckt, metallisch oder gar nicht?
Diese vibrierenden und zuckenden Beine ...
Was ist das schon wieder für ein Gefühl, einen nassen Arm zu
haben?
Und nein, es befindet sich kein Haar unter dem linken Auge,
auch wenn ich noch so oft im Spiegel danach suche.

Die größte Schwierigkeit für mich ist, dass ich nicht mehr die
Fähigkeiten meines Körpers ermessen und mich auf sie
verlassen kann.
Dass sich meine Befindlichkeit ständig ändert.

Morgen ist wieder ein neuer Tag mit einem sich neu
definierenden Leib.
Insofern - das Leben bleibt spannend.
Auch etwas.
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